Java | Ijen

Um Mitternacht klingelt unser Wecker. Schnell ziehen wir uns an und packen unsere Rucksäcke, denn vor dem Homestay wartet bereits Ari auf uns. Wir fahren eine Stunde, die wir strategisch für einen Powernap nutzen. Bei strömendem Regen kommen wir am Fuß des Ijen an – dem Vulkan, den wir heute erkunden möchten. Lars kauft sich noch schnell einen Regenponcho – Leslie war natürlich schon vorbereitet. Eingepackt in Grün und Lila, mit Lampe auf der Stirn, warten wir gemeinsam mit vielen anderen vor dem Tor, das um 2 Uhr nachts den Weg zum Vulkan freigibt.

Der Weg ist steil und hat es in sich: 3,8 km bergauf – „slow and steady“ ist unser Motto. Wir machen kaum Pausen, denn wir dürfen nicht viel Zeit verlieren. Wir wollen das Naturschauspiel nicht verpassen, das sich nachts im Ijen – an einem von nur zwei Orten weltweit – abspielt. Immer weiter, bis uns der aufsteigende Geruch nach Schwefel das Atmen schwer macht. Doch Ari ist natürlich auf alles vorbereitet und gibt uns Atemmasken und Taucherbrillen.

Gewappnet für die letzte Etappe: 250 Meter im Dunkeln hinab in den Krater. Auf dem steilen, steinigen Weg kommt uns ein Minenarbeiter mit frischer Schwefelladung entgegen. 100 kg trägt er auf den Schultern. Wir ziehen unsere Masken fester, halten den Schwefelgeruch kaum aus, unsere Augen tränen. Der Minenarbeiter zieht an uns vorbei – ohne Maske und Brille, gut gelaunt, und raucht lässig eine Zigarette, während er seine Last in zwei Körben den Berg hinaufschleppt. Für diese Ladung bekommt er gerade mal 6 Euro.

Beeindruckt und nachdenklich gestimmt kämpfen wir uns im Dunkeln weiter nach unten, Stein für Stein. Ari motiviert uns – er möchte, dass wir als Erste unten ankommen, um das Naturwunder ohne andere Besucher zu erleben. Innerlich hoffen wir, dass sich die Anstrengung lohnt, denn nur unter bestimmten Bedingungen lässt die Natur dieses Schauspiel zu.

Endlich kommen wir unten an. Schwefeldampf steigt uns entgegen – und dann erblicken wir es. Es fühlt sich an wie aus einer anderen Welt: das blaue Feuer! Wie blaue Lava fließt es majestätisch lodernd den Vulkankrater hinab – heiße Schwefelgase, die sich beim Kontakt mit Sauerstoff entzünden und die Flamme blau färben. Hinter unseren Masken fühlen wir uns wie auf einem anderen Planeten, wie in einem Traum. Ari macht ein Foto von uns, um diesen besonderen Moment festzuhalten. Immer wieder ziehen Schwefelwolken an uns vorbei. Ari beruhigt uns: „Don’t panic“.

Dann führt er uns zu den Rohren, die die Schwefelgase abfangen. Unten tropft eine orange-gelbe, glühend heiße Flüssigkeit heraus – der Schwefel, den die Minenarbeiter später in festem Zustand den Berg hinauftragen. Sogar kleine Souvenirs aus Schwefel kann man von einem der Arbeiter kaufen. Etwas weiter oben am Krater erkennen wir kleine Zelte – dort schlafen die Arbeiter in ihren Pausen. Die Masken und Schutzkleidung, die sie von Hilfsorganisationen bekommen, verkaufen sie oft lieber, anstatt sie selbst zu nutzen. Jedes Jahr sterben hier 2–3 Arbeiter an den Folgen der giftigen Dämpfe, vor allem an Lungenkrebs. Viele von ihnen hatten keine Schulbildung – die Arbeit in der Mine ist eine der wenigen Möglichkeiten, gutes Geld zu verdienen. Die Gesundheit wird dabei hinten angestellt. Sie leben und arbeiten für das Hier und Jetzt, nicht für die Zukunft.

Mit schweren Gedanken steigen wir im Nebel zurück zum Kraterrand. Aus der Ferne singt ein Guide „Hakuna Matata“ – fast surreal in dieser Kulisse. Ein lauter Donnerschlag hallt über den Vulkan. Oben angekommen, bricht langsam der Morgen an. Die Sonne taucht die Landschaft in warmes Licht und gibt den Blick frei auf den türkisblauen Kratersee. Wir machen unzählige Fotos – doch keine Kamera kann das Erlebte wirklich einfangen.

Auf dem Weg zurück werden wir von „Lamborghinis“ und „Ferraris“ begleitet – so nennen die Ijen-Taxifahrer scherzhaft ihre Schubkarren, mit denen sie Touristen gegen Geld den Berg hinauf- und hinunterfahren. Unten angekommen, müssen wir die Eindrücke erst einmal verarbeiten – und wie ginge das besser als mit einem leckeren Frühstück, das uns vom Homestay nachts mitgegeben wurde? Liebevoll sind die Snackboxen mit unseren Namen beschriftet. Bei Mango Steam, Drachenfrucht und Papaya sitzen wir dort – erschöpft, überwältigt und einfach nur dankbar für dieses unvergessliche Erlebnis.


Beitrag veröffentlicht

in

von